Kapitel Vier
1
»Spät geworden?« fragte Wayne Turners Sekretärin und versuchte erfolglos, ein Grinsen zu unterdrücken.
»Sieht man das?«
»Nur die, die wissen, wie perfekt Sie normalerweise aussehen.«
Am Abend vorher war Turner, Senator Raymond Colbys Assistent, auf der Feier anlässlich der Nominierung des Senators für den Supreme Court total betrunken gewesen. Heute Morgen bekam er die Rechnung dafür präsentiert, aber es kümmerte ihn nicht. Er freute sich für den alten Knaben, der so viel für ihn getan hatte. Das einzige, was ihm nicht passte, war, dass Colby nicht für die Präsidentschaft kandidiert hatte. Er hätte einen guten Präsidenten abgegeben.
Turner war Schwarzer, einssiebzig groß und schlank. Er hatte ein schmales Gesicht, hohe Wangenknochen, kurzgeschnittenes schwarzes Haar, das an den Schläfen grau wurde. Er wog immer noch so viel wie zu der Zeit, als er Colby zum ersten Mal getroffen hatte. Er hatte sein energisches Auftreten nicht verloren, doch das Stirnrunzeln, das ein Teil von ihm zu sein schien, hatte sich über die Jahre hinweg etwas verflüchtigt. Turner hängte sein Jackett an den Haken hinter der Tür, steckte sich die vierte Zigarette an diesem Tag an und ließ sich hinter seinem unaufgeräumten Schreibtisch nieder. In seinem Rücken befand sich, eingerahmt vom Fenster, die weiße Kuppel des Kapitals.
Turner wühlte sich durch die Anfragen. Viele stammten von Reportern, die etwas über die Hintergründe von Colbys Nominierung wissen wollten. Einige kamen von Assistenten anderer Senatoren, die wahrscheinlich etwas über Colbys Vorleben in Erfahrung bringen wollten. Ein paar Anfragen von Teilhabern bekannter Washingtoner Anwaltskanzleien, die ihm versicherten, dass sich Turner keine Sorgen zu machen brauchte, wenn der Senator zum Obersten Richter ernannt worden war. Die Männer an den Schaltstellen der Macht in Washington waren immer an jemandem interessiert, der Zugang zu einem der Mächtigen hatte. Turner würde keine Schwierigkeiten mit seiner beruflichen Zukunft haben, aber er würde die Arbeit mit dem Senator vermissen.
Die letzte Nachricht in dem Stapel erweckte Turners Interesse. Sie stammte von Nancy Gordon, eine von den Personen, bei der er sich hätte melden sollen, als er gestern Nachmittag wieder ins Büro gekommen war. Bestimmt hatte auch sie wegen der Nominierung angerufen. Auf dem Zettel stand eine Nummer in Hunters Point im Staat New York.
»Ich bin's, Wayne«, meldete er sich, als er die bekannte Stimme am anderen Ende der Leitung vernahm. »Wie geht's?«
»Er ist wieder aufgetaucht«, begann Nancy Gordon ohne Einleitung.
Turner brauchte ein paar Sekunden, bevor er begriff, dann war es um seine Stimmung geschehen.
»Wo?«
»Portland, Oregon.«
»Woher weißt du das?«
Sie sagte es ihm. Schließlich fragte Turner: »Was willst du unternehmen?«
»In zwei Stunden geht ein Flug nach Portland.«
»Was glaubst du, warum hat er wieder angefangen?«
»Mich wundert, dass er so lange stillgehalten hat«, antwortete Nancy.
»Wann hast du den Brief erhalten?«
»Gestern, so gegen vier. Ich kam gerade von der Schicht.«
»Du weißt das vom Senator?«
»Hab' es in den Nachrichten gehört.«
»Glaubst du, da besteht ein Zusammenhang? Ich meine, die zeitliche Übereinstimmung. Es ist merkwürdig, so kurz nachdem der Präsident die Nominierung bekanntgegeben hat.«
»Möglicherweise gibt es einen Zusammenhang. Ich weiß nicht. Ich möchte keine voreiligen Schlüsse ziehen.«
»Hast du Frank angerufen?« wollte Turner wissen.
»Noch nicht.«
»Mach das. Erzählst ihm!«
»In Ordnung.«
»Mist, das ist absolut der ungünstigste Zeitpunkt für so etwas.“
»Du machst dir Sorgen um den Senator?«
»Selbstverständlich.«
»Was ist mit den Frauen?« fragte Nancy mit eisiger Stimme.
»Komm mir nicht so, Nancy. Du weißt sehr gut, dass ich mir um die Frauen Sorgen mache, aber Colby ist mein bester Freund. Kannst du ihn da nicht heraushalten?«
»Werde ich, wenn es möglich ist.«
Turner schwitzte; der Telefonhörer lag unangenehm an seinem Ohr.
»Was hast du vor, wenn du ihn gefunden hast?« fragte er nervös. Nancy Gordon antwortete nicht sofort. Turner konnte hören, wie sie tief durchatmete.
»Nancy?«
»Ich tue, was getan werden muss.«
Turner wusste, was das bedeutete. Wenn Nancy Gordon den Mann fand, der ihr seit zehn Jahren Alpträume verursachte, wurde sie ihn töten. Der zivilisierte Mensch in Wayne Turner wollte Nancy sagen, dass sie das Gesetz nicht in die eigenen Hände nehmen dürfe. Aber da gab es den Wilden in Wayne Turner, der ihn davor zurückhielt, weil jeder, einschließlich des Senators, besser dran sein würde, wenn die Beamtin der Mordkommission, Nancy Gordon, zum Todesengel wurde.
2
Der Mikrowellenherd klingelte. Alan Page ging zurück in die Küche, ein Auge auf den Fernseher gerichtet. Der Nachrichtensprecher von CBS sprach über den Termin, an dem Raymond Colbys Anhörung angesetzt war. Colby würde dem Supreme Court zu einer soliden, konservativen Mehrheit verhelfen, und das war eine gute Nachricht für einen Staatsanwalt.
Alan nahm sein Fertiggericht aus der Mikrowelle und zog die Folie ab, wobei er nur einen sehr kurzen Blick auf das Essen warf. Er war siebenunddreißig, hatte kurzgeschnittenes schwarzes Haar, und sein Gesicht trug immer noch die Spuren von Akne und einen Ausdruck, der die meisten Menschen nervös werden ließ. Sein gertenschlanker Körper hätte darauf schließen lassen, dass er am Langstreckenlauf interessiert war. Das war aber nicht der Fall. In Wirklichkeit machte er sich nichts aus Essen und nahm nur das absolute Existenzminimum zu sich. Seit seiner Scheidung war es noch schlimmer geworden. An einem guten Tag bestand sein Frühstück aus Pulverkaffee, zu Mittag aß er ein Sandwich und trank wieder schwarzen Kaffee, und abends nahm er eine Pizza zu sich.
Ein Reporter interviewte jemanden, der Colby aus der Zeit kannte, als er für Marlin Steel gearbeitet hatte. Alan stellte mit der Fernsteuerung den Ton lauter. Nach dem, was er hörte, stand der Berufung Colbys zum Höchsten Richter des Supreme Court nichts im Wege. Die Türklingel läutete gerade, als der Bericht über Colby zu Ende war. Alan hoffte, dass es nichts Dienstliches war, denn um neun Uhr gab es einen Bogart-Klassiker, auf den er sich schon den ganzen Tag gefreut hatte.
Die Frau vor der Tür hielt eine Aktenmappe über den Kopf, um sich vor dem Regen zu schützen. Ein kleiner brauner Koffer stand neben ihr. Ein Taxi wartete am Bordstein, die Scheibenwischer bewegten sich hin und her, und die Scheinwerfer schnitten durch die Regenschauer.
»Alan Page?«
Er nickte. Die Frau klappte ein Lederetui, das sie in ihrer freien Hand hielt, auf und zeigte Alan ihre Marke.
»Nancy Gordon. Ich bin Detective bei der Mordkommission in Hunters Point, im Staat New York. Kann ich reinkommen?«
»Natürlich«, antwortete Alan und trat zurück. Nancy Gordon gab dem Taxifahrer ein Zeichen und trat ein. Sie hielt die Aktenmappe auf Armeslänge von sich, schüttelte das Wasser auf dem Fußabtreter ab und zog dann den Koffer herein.
»Ich nehme Ihnen den Mantel ab«, bot sich Alan an. »Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«
»Eine Tasse Kaffee, bitte«, antwortete Nancy Gordon und gab ihm ihren Regenmantel.
»Was treibt eine Polizeibeamtin von New York nach Portland?« wollte Alan wissen, während er ihren Mantel in den Flurschrank hängte.
»Sagt Ihnen der Satz AUF EWIG UNVERGESSEN irgendwas, Mr. Page?“
Alan verharrte einen Moment lang völlig bewegungslos, dann drehte er sich um. »Diese Information ist noch nicht an die Öffentlichkeit gegeben worden. Woher haben Sie sie?«
»Ich weiß mehr über AUF EWIG UNVERGESSEN, als Sie sich vorstellen können, Mr. Page. Ich weiß, was die Nachricht bedeutet. Ich weiß von der schwarzen Rose. Ich weiß auch, wer die vermissten Frauen entführt hat.«
»Setzen Sie sich bitte, ich mache Ihnen einen Kaffee«, sagte Alan. Er brauchte einfach Zeit, um nachzudenken.
Die Wohnung war klein; Küche und Wohnzimmer waren ein Raum, der durch eine Theke geteilt war. Nancy Gordon setzte sich in einen Lehnsessel neben dem Fernseher und wartete geduldig, während Alan aus einem Kessel heißes Wasser auf Pulverkaffee goss. Er reichte ihr die Tasse, stellte den Fernsehapparat ab und setzte sich dann ihr gegenüber auf die Couch. Nancy Gordon war groß und hatte einen durchtrainierten Körper. Alan schätzte sie auf Mitte dreißig. Sie war attraktiv, ohne viel dafür zu tun. Das Beeindruckendste an ihr war ihre alles bestimmende Ernsthaftigkeit. Ihre Kleidung war streng, die Augen kalt, ihr Mund zu einer dünnen Linie zusammengepresst und ihr Körper angespannt wie bei einem Tier, das bereit ist, sich zu verteidigen.
Nancy Gordon beugte sich leicht nach vorn. »Denken Sie an die schlimmsten Verbrecher, Mr. Page! Denken Sie an Bundy, Manson, Dahmer! Der Mann, der diese Zettel zurückgelassen hat, ist viel gefährlicher als einer von denen, denn die sind inzwischen alle tot oder im Gefängnis. Der Mann, hinter dem Sie her sind, ist ein Mann, der davongekommen ist.«
»Sie wissen, wer es ist?« fragte Alan.
Nancy nickte. »Ich habe seit zehn Jahren darauf gewartet, dass er wieder auftaucht.«
Nancy schwieg einen Moment. Sie betrachtete den Dampf, der von ihrer Tasse aufstieg, dann sah sie Alan wieder an.
»Dieser Mann ist verschlagen, Mr. Page, und er ist anders als alle. Er ist kein Mensch, so wie wir einen Menschen definieren würden. Ich wusste, dass er sich nicht für immer würde unter Kontrolle halten können, und ich hatte recht.
Jetzt ist er wieder aufgetaucht, und ich kann ihn fassen, doch dazu brauche ich Ihre Hilfe.«
»Wenn Sie diesen Kerl stellen können, kriegen Sie alle erdenkliche Hilfe. Aber ich frage mich immer noch, wer Sie eigentlich sind und was Sie da reden.«
»Natürlich. Entschuldigen Sie. Ich stecke jetzt schon so lange in diesem Fall, da vergesse ich, dass andere Leute nicht wissen, was passiert ist. Und Sie müssen alles erfahren, sonst verstehen Sie nichts. Haben Sie Zeit, Mr. Page? Kann ich es Ihnen jetzt gleich erzählen? Ich glaube nicht, dass wir warten können. Nicht einmal bis morgen. Nicht, solange er frei da draußen herumläuft.«
»Wenn Sie nicht zu müde sind.«
Nancy Gordon starrte Alan mit Nachdruck in die Augen. Schließlich war er gezwungen, seinen Blick abzuwenden.
»Ich bin immer müde, Mr. Page. Es gab eine Zeit, da konnte ich ohne Tabletten überhaupt nicht schlafen. Darüber bin ich hinweg, aber die Alpträume haben noch nicht aufgehört, und gut schlafe ich immer noch nicht. Werde ich auch nicht, bevor wir ihn nicht geschnappt haben.«
Alan wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Nancy Gordon sah auf ihre Hände, trank noch einen Schluck Kaffee, und dann erzählte sie Alan Page alles über Hunters Point.